ErLebensraum Lippeaue

Positionen zum Projekt „Hamm ans Wasser“
naturnahe Umgestaltung der Lippeaue in Hamm zwischen Fährstraße und Radbodstraße

 

Der NABU Hamm begrüßt, dass endlich die schon lange durch uns geforderte Rena-turierung und unter Schutzstellung der Auenbereiche im stadtnahen Gebiet der Lip-pe umgesetzt werden. Hiermit stellen wir die aus Naturschutzsicht wichtigen Punkte zur Umgestaltung der Gewässer und des Auenbereiches vor.
Sowohl Uferentfesselung als auch Deichrückverlegung und Anschluss von Altarmen und histori-schen Gewässersystemen (hier der Mühlengraben im Osten und die Geinegge im Westen) sind moderne Konzepte, welche nicht nur dem Natur- und Artenschutz, sondern auch dem Hochwas-serschutz dienen. Auch eine weitere Vernässung der Grünlandbereiche ist hier als wichtiger As-pekt für gefährdete Arten wie den Kiebitz und den Weißstorch zu nennen.


Östlicher Bereich
Im Fokus des Naturschutzes steht hier besonders der Bereich westlich und östlich der Fährstraße. Dieser heute schon durch zahlreiche gesetzlich geschützte Biotope (§62 BNatSchG) durchzogene Bereich muss ob seiner Bedeutung für zahlreiche wertvolle Arten wie die Bekassine, die Wasser-ralle, den Teichrohrsänger und das Blaukehlchen eine Hochstufung des Schutzstatus zum Natur-schutzgebiet erhalten.
Im Zuge der Renaturierung und einer möglichen Deichrückverlegung muss hier unter allen Um-ständen darauf geachtet werden, dass die heute schon bestehenden wertvollen Bereiche, wie Röh-richte, Stillgewässer und Feuchtgrünland auch während der Umgestaltung unter keinen Umständen beeinträchtigt werden. Ein dauerhaft günstiger Erhaltungszustand ist hier durch geeignete Maß-nahmen und Pflege anzustreben.
Auch eine dem Schutz des Bereiches angemessene Besucherlenkung zu Beobachtungsstandorten, die den besonderen Wert des Gebietes zeigen, ist hier unabdinglich. Unter keinen Umständen darf es hier zu einer Erweiterung des bestehenden Wegenetzes kommen. Vielmehr sollte durch eine sinnvolle Gestaltung der Randzonen des Gebietes dieses vor Störern geschützt werden.


Westlicher Bereich
Die im westlichen Plangebiet angedachten Auenbereiche sind wichtige Vernetzungsstrukturen für den genetischen Austausch zwischen den heute schon bestehenden LIFE Projektgebieten im Osten und Westen unserer Stadt. Um diesen für die Artenvielfalt wichtigen Korridor zu optimieren, muss auch dieser den Status eines Naturschutzgebietes erhalten. Eine Umwandlung von noch bestehen-den Ackerflächen in Feuchtgrünland ist hier schnellstmöglich umzusetzen. Die schon heute beste-henden zum Teil auch gesetzlich geschützten Biotope sind weiter zu entwickeln und durch ent-sprechende Maßnahmen und Pflege in einen dauerhaften günstigen Zustand zu bringen. Eine hier besonders hervorzuhebende Art ist der Kammmolch, welcher hier noch eines der wenigen Vorkommen in Hamm hat.

Anschluss der Geinegge an die Lippe
Bezüglich eines Anschlusses der Geinegge steht der NABU diesem positiv gegenüber, solange
hierdurch nicht das heute schon bestehende Naturschutzgebiet westlich der Radbodstraße beeinträchtigt
wird. Für den Naturschutz bedeutende Gewässerbereiche (Radbodseegebiet und anschließende
Bereiche) werden momentan durch die Geinegge gespeist. Hierauf ist im Rahmen eines
dem Schutzzweck der Strukturen unterworfenem Wassermanagements ausdrücklich zu achten.


Erlebnisbauernhof
Auch dem Konzept eines Erlebnisbauernhofes stehen wir grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings
ist der Standort sensibel zu wählen, um durch die zu erwartenden Besucher nicht schutzwürdige
Flächen zu beeinträchtigen. Auch muss er sich in ein zu erarbeitendes naturnahes Bewirtschaftungskonzept
der Grünlandflächen der Aue einfügen. Als ein im Rahmen der Bewirtschaftung
zu beachtendes Projekt sehen wir hier zum Beispiel die Haltung einer Herde Heckrinder, wie
es im Kreis Soest und Unna schon heute erfolgreich praktiziert wird. Dieses Bewirtschaftungskonzept
könnte im Rahmen eines sozialen Projektes durch den Erlebnisbauernhof umgesetzt werden.


Schutzgebietsbetreuung
Des Weiteren möchten wir anregen, auf Grund der Erfahrungen in den bestehenden LIFE Projekten,
auch dem langfristigen Schutz der Bereiche Rechnung zu tragen. Hierzu regen wir die Stelle
eines „Rangers“ mit ordnungsrechtlichen Kompetenzen an.


Erlebnisfläche an der Münsterstraße
Im Zusammenhang mit unseren restriktiven Forderungen bezüglich der außerordentlich wertvollen
Bereiche der Lippeaue begrüßen wir ausdrücklich eine gezielte Öffnung der Aue im Bereich der
Münsterstraße, um auch dem Bürger einen angemessenen Bereich zur Entfaltung seiner Interessen
und zum Erleben unseres Flusses zu bieten.
Dieser Zugang muss auf jeden Fall schonend passieren und darf die für die Natur wertvollen Flächen
nicht beeinträchtigen. Auf eine Versiegelung muss vollständig verzichtet werden. Auch
Störungen durch Großveranstaltungen müssen auf wenige Termine im Jahr begrenzt werden.
Der NABU Hamm begrüßt eine Weiterentwicklung der Lippeauen im Sinne des Naturschutzes
und steht allen Akteuren gerne als Ansprechpartner zur Verfügung.

Text: Marvin Fehn, Olaf Ferner, Jürgen Hundorf

Lippesee

 

Ein Wort vorab ...

 

Die nachstehende Information zur Planung des Lippesees in Hamm ist nicht mehr aktuell. Die 136.521 wahlberechtigten Bürger der Stadt Hamm haben beim ersten bundesweiten freiwilligen Bürgerentscheid ein eindeutiges Votum gegen den Bau des Lippesees abgegeben. 56,9 % haben sich gegen und nur 43,1 % für die Maßnahme ausgesprochen. Die Wahlbeteiligung lag mit 42 % deutlich über den Erwartungen (bzw. Befürchtungen) und war höher als bei manchen politischen Wahlen (während "Hamm-Online-News" die Wahlbeteiligung als "jedoch eher gering" einstuft).

Der Oberbürgermeister der Stadt Hamm, der die Bürgerbefragung persönlich angeregt hat, hat seine Zusage eingehalten und die Lippeseeplanung daraufhin gestoppt.

Die Wahlprognosen der Befürworterseite (Stadt Hamm, Lippeverband, Pro Lippesee e.V.) haben selbst am Wahltag noch mit einer 70%igen Zustimmung gerechnet. Die Internetforen des Westfälischen Anzeigers hatten 75 % Zusage vorhergesagt, die von Radio Lippe Welle Hamm sogar 90 %.

Wir haben den nachfolgenden Text nicht von unseren Seiten gelöscht, weil wir die hier stehenden Informationen über eine der größten geplanten Naturzerstörungen in der Hammer Lippeaue als eine Art Mahnung der Öffentlichkeit weiter zugänglich machen wollen.

 

Liebe Hammer Bürgerinnen und Bürger,
wir danken Ihnen für Ihre eindeutige und klare Mehrheitsentscheidung, für Ihre Teilnahme an der Wahl am 18. Juni 2006 und für die große Unterstützung unserer Position zum Erhalt der Lippeaue. Vielen Dank für die vielen zustimmenden Gespräche, in denen Sie uns Ihre Solidarität bekundet haben, insbesondere an den Infotischen der Bürgerinitiative "Aue statt Lippesee".

 

Informationen zum geplanten Lippesee und zum Bürgerentscheid am 18.06.2006


Der Anlass der Planung:
Die Stadt Hamm will diesen See bauen, weil sie einen verbesserten Hochwasserschutz erreichen will. Gleichzeitig verspricht sie sich davon eine Steigerung der Attraktivität unserer Stadt, die die Abwanderung von Einwohnern verhindern und gleichzeitig neue Einwohner nach Hamm ziehen soll. Im Seebereich sollen Veranstaltungen ("Events") durchgeführt werden, die das kulturelle und sportliche Angebot in der Stadt verbessern sollen. Die Stadt Hamm rechnet auch mit neuen Arbeitsplätzen direkt durch den See - anfangs wurde die Zahl von 5000 neuen Arbeitsplätzen genannt, später reduzierte sich die Zahl in Etappen auf aktuell 60 Arbeitsplätze.

 

Wir sehen das anders:
Unsere ablehnenden Gründe führen wir im Einzelnen nachfolgend auf. Die Stadt Hamm hat die technische Bauausführung des Sees dem Lippeverband (Essen) übertragen, der wiederum verschiedene Gutachter- und Planungsbüros beauftragt hat. Mit dem Verein Pro Lippesee e. V. hat sich ein ideeller Unterstützer gefunden, der Lobbyarbeit betreibt, Aktionen durchführt und Spendengelder einnimmt. Da die drei Aktivisten im Laufe der Diskussion Argumente wechseltig vorgebracht haben, sprechen wir daher im weiteren Verlauf dieses Rundschreibens - wie aus der Hammer Tagespresse bekannt - von den "Befürwortern".
Die Politik: Die Hammer CDU hat sich von Anfang an vorbehaltlos hinter das vom Hammer Oberbürgermeister forcierte Projekt gestellt und auf ihren Informationsveranstaltungen nur Vertreter der Befürworter eingeladen. Die SPD hat sich nach einer Informationsphase, in der Befürworter und Gegner ihre Gründe vortragen konnten, nur mehrheitlich (also mit Gegenstimmen innerhalb der Mandatsträger) für das Projekt ausgesprochen, allerdings mit weiteren Einschränkungen. Diese werden nach unserer Einschätzung nur schwer oder gar nicht einhaltbar und nicht überprüfbar sein. Bündnis 90/Die Grünen hat sich klar gegen das Projekt gewandt.

 

Zum Hochwasserschutz:
Die Speichermöglichkeit von Lippehochwasser wird dadurch erhöht, dass die Deiche zurückverlegt und erhöht werden. Dadurch ergibt sich ein erhöhtes Wasser-Rückhaltevolumen von ca. 1 Mio. Kubikmeter, es ist natürlich für die unterhalb liegenden Städte und Gemeinden von Nutzen. Das hört sich "nach sehr viel" an, ist es aber nicht. Im Hochwasserfall ist diese Menge sehr schnell erreicht, das technische Rückhaltebecken in relativ kurzer Zeit vollgelaufen.
Es wäre aber bedeutend kostengünstiger, wenn statt dieses Regenrückhaltebeckens und des gleichzeitigen Seeausbau für den Freizeitbetrieb der Lippe natürliche Überflutungsräume durch das Zurückverlegen der Deiche wiedergegeben würden. Hochwasserkatastrophen wie an Rhein, Elbe und Oder geschehen sind u. a. durch das Verbauen der Auenbereiche entstanden. Diese Fehler sollten hier in Hamm nicht wiederholt werden. Wäre der Hochwasserschutz in dieser Planung tatsächlich so vorrangig wie von der Stadt Hamm behauptet, wären die Freizeit-, Wohn- und Gewerbeeinrichtungen mit Sicherheit nicht Gegenstand dieser Planung. Empfohlen wird von Experten, den Flüssen wieder Überflutungsräume zur Verfügung zu stellen, in denen das Wasser nach und nach versickern und aus denen es allmählich wieder abfließen kann.

 

Wasserqualität:
Mit einer Seetiefe von nur 3 m ist die Gefahr groß, dass die Wasserqualität für einen Badebetrieb nicht ausreichen wird. Beispiele anderer künstlicher Binnenseen gibt es dazu.

 

Zur Ökologie - "Naturufer":
Die Befürworter sagen, durch die Schaffung des "Naturufers" zwischen Fährstraße und Kläranlage Mattenbecke verbessere sich die Situation für die dort lebenden Tiere erheblich. Gleichzeit würden aus der östlichen Lippeaue Badegäste, die dort unerlaubt das Gewässer nutzen, zum Lippesee gezogen und die Lippeaue entlastet.
Das "Naturufer" wird als ökologische Verbesserung des jetzigen Zustands bezeichnet und soll einer "natürlichen Entwicklung" vorbehalten bleiben. Dieser Uferabschnitt soll die "Durchgängigkeit stärken" und als "qualitativ hochwertiger ökologischer Bereich zahlreichen Pflanzen- und Tierarten gute Lebensmöglichkeiten eröffnen". Zudem soll er "Trittsteinfunktionen" übernehmen. Um eine "möglichst ungestörte Entwicklung von Tieren und Pflanzen in diesem Uferbereich zu ermöglichen", soll er für Fußgänger und Radfahrer nicht erschlossen werden.
Das sehen wir völlig anders: Das Naturufer nimmt nur einen kleinen Teil der Planfläche ein. Es soll vielfältige ökologische Funktionen übernehmen, die aber aufgrund der zu erwartenden Störungen durch die große Zahl der sich hier in den Sommermonaten (=Brutzeit) aufhaltenden Menschen nicht zu erreichen sein wird. Zudem sollen Stichwege mit Aussichtsplattformen hineingebaut werden, und es sind Betriebswege erforderlich.

Betretungsverbote in bestehenden NSG werden in Hamm nicht verfolgt und sind nicht durchsetzbar! Warum sollte dies ausgereichnet hier im "Naturufer" erreicht werden können? Diese angedachten Multifunktionen kann dieser relativ kleine Bereich keinesfalls erfüllen! Die Menschen, die zurzeit im Sommer in der Lippe baden und dort lagern, werden den Lippesee-Strand nicht aufsuchen, weil sie weitgehend unbeobachtet sein wollen. Der Vertreibungseffekt wird daher nicht erreicht werden.

 

Zur Ökologie - Grünland:
43 Hektar groß ist die Wasserfläche des Lippesees. Wird er gebaut, geht diese Fläche als Lebensraum für Wiesenbrüter ersatzlos verloren. Zurzeit besteht hier mit 19-23 Brutpaaren eine große Kiebitzpopulation, die letzte außerhalb von Schutzgebieten in Mittelwestfalen. Die Bekassine ist hier regelmäßig anzutreffen. Insgesamt sind hier von den Gutachtern 62 Brutvogelarten kartiert worden, darunter sind sehr viele seltene Arten!

Richtig ist: die Wiesenbrüter haben einen schweren Stand auf dieser Fläche, weil sie so oft von Hunden belaufen wird. Richtig ist aber auch: die Stadt Hamm wird in dieser Angelegenheit nicht aktiv, um diesen unhaltbaren Zustand zu beenden! Die Befürworter drehen die Argumente ins Gegenteil: die Wiesenfläche tauge nicht für Kiebitze, weil hier so viele Hunde herumlaufen. Das ist der falsche Schluss!
Der Biotoptyp Grünland ist so stark gefährdet, dass wir es uns nicht erlauben sollten, ihn in dieser zusammenhängenden Größe zu zerstören.
Die vorgesehene Ersatzfläche in Bockum-Hövel ist als Lebensraum für Kiebitze und Bekassinen ungeeignet, da er von einer Hochspannungsleitung überspannt wird. Wiesenbrüter brüten aber nicht unter solchen Leitungstrassen. Außerdem wird diese Fläche nicht neu geschaffen, sie besteht bereits und hat einen ökologischen Wert. Allerdings soll sie durch Optimierungsmaßnahmen ökologisch aufgewertet werden. Daher wird sie im Bewertungsverfahren mit einem erhöhten Punktwert beurteilt und trägt so dazu bei, dass rein rechnerisch ein theoretischer Ausgleich zwischen dem Eingriff (Seebau) und den gesetzlich vorgeschriebenen Ersatzmaßnahmen auf dem Papier erreicht wird.

 

Zur Ökologie - Durchgängigkeit:
Viele Tierarten zu Lande und im Wasser nutzen den Lippeauenbereich als Wanderstrecke, sie orienteren sich an den Geländestrukturen und am Gewässerlauf. Die Lippeaue ist hier in einer Breite von mindestens 150 Metern für sie nutzbar. Die Fachleute umschreiben dies mit dem Begriff Durchgängigkeit.
Die Befürworter behaupten, durch den Lippesee verbessere sich die Durchgängigkeit. Das ist - vorsichtig ausgedrückt - falsch. Richtig ist, dass sich die Durchgängigkeit von 150m auf 12 m Breite verringert. Dieser schmale Streifen zwischen der Betonkante der Promenadenbefestigung und dem Kanal muss von Amphibien und Säugetieren gefunden werden. Aber Menschen und Hunde werden sich dort auch aufhalten und den Tieren eine Durchquerung unmöglich machen. Durch den Lippesee wird die Durchgängigkeit der Aue unterbrochen, der genetische Austausch wird für einige Arten hier verhindert. Richtig ist, das sich die Durchgängigkeit für Fische verbessert, denn um das Wehr Hamm wird ein Fischweg angelegt. Auf dieser neuen Gewässerstrecke können Wassertiere das Wehr Hamm umschwimmen, das bisher für sie unüberwindbar war.
Was die Befürworter regelmäßig verschweigen ist, dass es bereits eine ältere Planung gibt, die einen solchen neuen Fischweg vorsieht. Dieser Fischaufstieg ist bereits planfestgestellt, könnte also auch ohne den Lippesee gebaut werden, ist von dieser Planung aber quasi "überrollt" worden. Hinzu kommt: der ursprünglich geplante Fischweg ist zwar nicht so komfortabel für die Fische, aber genau so nutzbar, dafür aber auch deutlich kostengünstiger!

 

Ruhige Erholung:
Das Plangebiet besitzt heute eine große Bedeutung für die ruhige Erholung. Wandern und Radfahren auf der bestehenden Deichkrone, am Deichfuß und auf dem Verbindungsweg nach Heessen wird von Freizeitsuchenden regelmäßig wahrgenommen.
Mit dem Bau des Lippesees wird es mit der ruhigen Erholung vorbei sein. Auf den befestigten Wegen und der Promenade wird während der Saison Trubel und Klamauk herrschen, viel Verkehr durch unterschiedliche Nutzergruppen entstehen.

 

Blick auf den See:
Viele Hammer Bürger glauben, sie könnten sozusagen als "morgendlichen Motivationsschub" auf dem Weg zur Arbeit bei der Fahrt über Münster-, Heessener und Fährstraße noch einen Blick auf den See werfen.
Den Seeblick wird es kaum geben. Denn: Der Seeblick ist aufgrund der Höhenverhältnisse nur von der Lippebrücke Münsterstraße und der Kreuzung Heessener Straße/Fährstraße möglich. Ansonsten versperren Deiche den Blick auf den See!
Die Befürworter antworten auf dieses Argument: Der See erhält eine fußläufige Erschließung! - Das haben wir bisher auch nicht bestritten und war auch nicht Inhalt unserer Kritik.

 

Gastronomie:
Gehen Sie künftig öfter zum Speisen in ein Restaurant als bisher und gehören Sie zu den 235.000 erwarteten jährlichen Seebesuchern, die 12.00-18.00 EUR pro Besuch am Lippesee ausgeben sollen, damit sich das Gesamtprojekt finanziell rechnet? Oder sind Sie mit uns der Meinung, dass hier nur eine Verlagerung stattfinden könnte und Gastronomiebetriebe an anderer Stelle künftig weniger Besucher und weniger Umsatz haben werden?

Wir meinen: jeder Besucher am Lippesee fehlt im Maxipark, im Maximare oder in den bestehenden Restaurants in Hamm.

 

Die Bautätigkeit des Lippesees steht in Konflikten mit:

  • Bundesnaturschutzgesetz
  • Landschaftsgesetz NRW
  • Landschaftsplan Hamm-Ost 

Ziele dieser Gesetze:
Natur und Landschaft sind zu schützen, zu pflegen, zu entwickeln und nötigenfalls wiederherzustellen.
Es ist verboten, Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtstätten der besonders geschützten Arten zu beschädigen oder zu zerstören.
Die Errichtung eines europäischen Netzes Natura 2000 ist zu fördern Nur für unvermeidbare Beeinträchtigungen sehen die Gesetze Ausnahmen vor. Hier kann nicht von einer unvermeidbaren Beeinträchtigung gesprochen werden - schließlich sind sich die Planer ja noch nicht einmal sicher, ob das Projekt von der Einwohnerschaft gewollt ist!

 

Der Landschaftsplan (LP) setzt für das Plangebiet fest:

  • "Ausbau der Landschaft für die Erholung"
  • "Sicherung und Entwicklung von Biotopen mit besonderer Bedeutung"
  • "Wiederherstellung einer im Ganzen erhaltenswerten Auenlandschaft durch Entwicklung auentypischer Lebensräume"

Durch die Realisierung der Lippeseeplanung werden die im LP genannten Verbote wie die Verfüllung von Kleingewässern umgangen, eine dauerhafte Veränderung der Oberflächengestalt erreicht, landschaftsgliedernde Strukturen beseitigt und ca. 600 Meter Lippealtarme zerstört!
Der Lippesee widerspricht allen Verboten, die im LP festgesetzt sind.
Dabei hat selbst die Stadt Hamm festgestellt, dass ". . . die östliche Lippeaue von europäischer Bedeutung" ist! Für die Errichtung des Netzes Natura 2000 wäre hier eine ökologisch ausgerichtete Planung die richtige Konsequenz.

Die Befürworter behaupten: Der Lippesee bedeutet eine Bereicherung ökologischer Qualitäten" und wäre "ökologisch wertvoll". - Das ist falsch!

Diese Behauptung wird aufgestellt, obwohl sogar der Planfeststellungsbeschluss etwas anderes aussagt.
Völlig unzureichend berücksichtigt werden die Auswirkungen der geplanten Ersatzmaßnahmen auf die nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders und streng geschützten Vogelarten. Z. B. wurden die Folgen der Zerstörung des bedeutenden Kiebitzbrutplatzes in der Brökermersch für den Erhalt des Kiebitzbestandes in Hamm nicht untersucht. Diese Untersuchung ist aber aufgrund europarechtlicher Vorgaben zum Artenschutz notwendig.

Ob der Umfang der geplanten Ausgleichsmaßnahmen für die Naturzerstörung den gesetzlichen Anforderungen entspricht, ist keineswegs sicher. Denn: Der Regierungspräsident Arnsberg hat im Planfeststellungsbeschluss angeordnet, dass die Ersatzmaßnahmen 1. vor Baubeginn durchgeführt werden müssen und dass 2. über zehn Jahre (!) kontrolliert werden muss, ob sich der angestrebte ökologische Ausgleich überhaupt einstellt!

Das heißt im Klartext: Selbst die Genehmigungsbehörde ist sich nicht sicher, wie sie den Eingriff in das ökologische Gefüge der Lippeaue beurteilen muss, scheut sich aber, eine restriktive Haltung einzunehmen und verschanzt sich hinter dem 10jährigen sogenannten Monitoring. (Im Rahmen des Monitoring wird untersucht, ob die eingeleiteten Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen tatsächlich ausreichend gewesen sind, die ökologischen Nachteile des Vorhabens auszugleichen)
Die Behauptung der Befürworter, die ökologischen Probleme seien zufriedenstellend geklärt, ist eine glatte Lüge!

Wir haben von unserer Verbandsklagemöglichkeit Abstand genommen, weil wir die Kosten von geschätzten 20.000,00 EUR in der 1. Instanz (sollten wir nicht zu 100 % vor Gericht Recht erhalten) nicht verantworten können.

 

Leitlinien, Leitbilder und Programme

Von fachlich kompetenten Stellen wurden Leitlinien, Leitbilder und Programme entwickelt: Das Programm "Natur 2000" des Landes NRW sagt aus:
Entwicklung eines landesweiten Biotopverbundes mit großräumigen Schutzarealen und notwendigen Verbindungs- und Schutzgebietskorridoren ("Trittsteinbiotope"). "Die Lippeaue ist die entscheidende ökologische Ost-West-Verbindung mit überregionaler Bedeutung. Ausgleichsmaßnahmen, die durch den Bergbau erforderlich werden, sollen gezielt in die Lippeaue gelegt werden."
Mit dem Bau des Lippesees entsteht das Gegenteil dieses Leitziels.

 

Das Lippeauenprogramm sagt für Hamm aus:
Ziel: Erhaltung und Entwicklung von fluss- und auentypischen Strukturen und Flächen in einer offenen, unverbauten Flusslandschaft und Wiederherstellung eines ökologisch funktionsfähigen Flussauensystems

Zitat: "In den schmalen Restauen der Ufer und im Bereich von Stadtgebieten und Deichstrecken werden vermehrt naturnähere Vegetations- und Uferstrecken und insgesamt eine verbesserte Vernetzung und Durchgängigkeit im Sinne des Biotopverbundes angestrebt."

Und: "Auf dem rechten Lippeufer sollen hier (unterhalb) wie oberhalb der Bahnbrücke breite ungenutzte Uferstreifen entstehen. Die z.T. intensive Nutzung der Uferflächen sollte auch grundsätzlich hinter dem Deich intensiviert werden. Die vorhandenen wertvollen Biotopstrukturen sind zu erhalten sowie unterhalb und oberhalb der Bahnbrücke zu erweitern."

Das Lippeauenprogramm sagt auch aus, dass Freizeiteinrichtungen und -nutzungen das Ökosystem der Flussaue belasten!
Das Lippeauenprogramm wird im angrenzenden Kreis Soest uneingeschränkt umgesetzt. Dort wird dem Fluss durch entsprechende Maßnahmen die angestrebte Dynamik zurückgegeben! Durchgeführt werden die Maßnahmen vom Lippeverband - der mit dem Bau des Lippesees auf kostengünstigste Weise seinen gegenüber den Unterliegern gemachten Zusagen und Verpflichtungen nachkommen kann, Hochwasserrückhalteräume zur Verfügung zu stellen! In Hamm wird im Gegensatz zum Kreis Soest in der Lippeaue ein stehendes Gewässer mit Freizeiteinrichtungen geplant!


Bodenaushub:
1,9 Mio. m3 Erde, das sind ca. 4 Mio. Tonnen, müssen bewegt werden, um das Loch für den See zu graben. 1,2 Mio. m3 werden auf dem Flugplatzgelände untergebracht, daher muss die Stadt Hamm die Kosten von 11,5 Mio. EUR für die neuen Gebäude und die neue Landebahn des Flugplatzes selber tragen. 636.000 m3 Aueboden werden nach Herringen und Heessen verbracht und in alte Bergbauschächte gekippt. Wir haben ausgerechnet: Dazu sind über eine 2jährige Bauzeit 912 LKW-Fahrten pro Tag notwendig, um das Material zu transportieren. Rechnen Sie also mit zusätzlichen LKWs, die alle 11/2 Minuten das Baugebiet über eine neue Ampelanlage verlassen und die Straßen nach Heessen und Herringen befahren!

 

Neue Standorte für Arbeiten und Wohnen - Flächenverbrauch:
Brauchen wir diese Standorte am Lippesee wirklich oder wäre es nicht sinnvoller, die Stadt Hamm würde die leerstehenden Gebäude in der Innenstadt und die freien Fläche in den Gewerbegebieten vermarkten? Wohngebiete sind in Hamm ausreichend vorhanden. Beim Flächenverbrauch gehört Hamm zu den drei Städten in NRW, die den höchsten Verbrauch an Freifläche aufweisen!

 

Kosten:
80 Millionen Euro wird der See kosten. Das ist eine Menge Geld, das nicht vorhanden ist. Diese Summe wird über den Zeitraum von 100 Jahren finanziert - die Befürworter (und sogar der Kämmerer der Stadt Hamm) vergleichen dieses Vorgehen mit der Finanzierung eines Hausbaus - haben Sie schon einmal von einer Hausfinanzierung gehört, die über 100 Jahre läuft? Aus den 80 Mio. Euro werden durch die Kreditaufnahme 125 Mio. Euro. Für diese Summe werden Menschen noch gerade stehen müssen, die heute noch nicht einmal geboren sind.

Ist das verantwortbar? Wir meinen: Nein!

Die Befürworter rechnen die finanziellen jährlichen Belastungen für die Stadt Hamm auf den Anteil am Gesamthaushalt herunter und kommen auf niedrige Prozentwerte. Tatsache ist: 125 Mio. EUR verringern sich nicht! Es ist eher zu befürchten, dass die Kosten deutlich über den heutigen Zahlen liegen, denn die Bauphase dauert drei Jahre. Ein aktuelles Beispiel für steigende Kosten städtischer Bauvorhaben ist die neue Brücke über die Geinegge: hier haben sich die Kosten verdoppelt!
Da das Bauvorhaben europaweit ausgeschrieben wird, ist völlig ungewiss, ob die heimische Bauindustrie vom Lippeseebau profitiert oder ob die Aufträge nach Spanien oder Skandinavien gehen!
Im Mittel kostet der Lippesee die Hammer Bürger 100 Jahre 1,2 Mio. EUR pro Jahr, in den ersten zehn Jahren 2,6 Mio. EUR.
Für Unterhaltungsmaßnahmen werden jährlich zusätzliche ca. 200.000 EUR aufzuwenden sein. Wir vermuten: auch diese Summe wird im Endeffekt höher ausfallen! Die Befürworter sagen: Kein Geld wird an anderer Stelle gestrichen! Können Sie das nachvollziehen? Wir jedenfalls nicht. Wo soll das Geld denn herkommen? Ist die Realität denn nicht so, dass soziale Leistungen (Schulen, Kindergärten) immer mehr zusammengestrichen werden? Sucht die Stadt denn nicht schon seit Jahren krampfhaft nach neuen Geldquellen (Stadtwerkeverkauf, Grundstücks- und Immobilienverkäufe, Kanalnetzverkauf)? Gibt es nicht eine Menge Straßen in Hamm in ausgesprochen schlechtem Zustand, die nicht repariert werden können, weil das Geld fehlt? - Gerade in diesen Tagen gibt es eine neue Information aus dem Hammer Rathaus, dass für die Straßensanierung neue Gelder bereitgestellt werden - dies ist eine Reaktion auf unseren Vorwurf, um ihn zu entkräften.
Wir sollten daher unser Geld nicht zum Fenster hinauswerfen und nicht noch weitere Schulden machen. Wir sollten aber auch alles daran setzen, dass künftig über die Gebührenschraube für alle Hammer Bürger nicht zusätzliches Geld für die Finanzierung dieses Spaßsees hereingeholt werden muss.
Die Befürworter sagen: 30 Mio EUR erhalten wir als Zuschuss vom Land NRW und der EU. Aber sind das nicht auch Steuergelder, unsere Gelder? Müssen wir diese Gelder hier verbauen, damit sie nicht an anderer Stelle für sinnvollere Projekte ausgegeben werden können? Warum unterstützt das Umweltministerium NRW den Lippeseebau mit 5 Mio EUR Zuschuss und kürzt sinnvolle Leistungen im Umwelt- und Naturschutz an anderer Stelle rigoros? Das ist ein echtes Skandälchen! Politische Lobbyarbeit treibt manchmal seltsame Blüten!

 

Erreichbarkeit über die Brücke "HamSteg" und die PKW-Zufahrt:
Zu Fuß wird der Lippesee von der Innenstadt über den HamSteg erreichbar sein. Der Aufgang zur Brücke soll am Hans-Böckler-Platz (nahe des DGB-Hauses) entstehen. Die Brücke wird 400 Meter lang sein und in windiger Höhe von sechs Metern Lippe und Kanal überspannen. Das entspricht der Länge der Hammer Fußgängerzone! Diese Brücke kostet übrigens 11 Mio. EUR!
Wenn Sie mit dem Auto zum Lippesee fahren wollen, gibt es nur eine Zufahrt von der Heessener Straße aus. Die Bezeichnung "Nadelöhr" ist an den Tagen, an denen Events stattfinden oder Badetemperaturen herrschen, sicher richtig.

Appropos Badestrand: Lassen Sie sich nicht davon täuschen, dass am letzten Wochenende vor dem Wahltermin in der Hammer Fußgängerzone eine Badestrandatmosphäre mit Sand aufgebaut worden ist. Den Sandstrand wird es nicht geben, aus wasserhygienischen Gründen wird der Badestrand aus Kies bestehen. Ohne Schuhe werden Sie ihn nicht belaufen können! Das verschweigen die Befürworter gern, geben - wie geschehen am 10. 6. 2006 - falsche Auskünfte ("Ja, Sandstrand") und erst auf bohrende Nachfrage zu, dass es denn doch ein Kiesstrand ist!

 

Bindeglied oder Fremdkörper:
Der Lippesee soll das Stadtbild prägen und aufwerten und die Stadtteile miteinander verbinden, so die Befürworter. Sind Sie nicht auch eher der Ansicht, dass der Lippesee, eingepfercht zwischen drei stark befahrenen Straßen, zwischen Kläranlage Mattenbecke und Flugplatz, ein Fremdkörper in einer bisher ruhigen Auenlandschaft sein wird? Wir sind dieser Meinung!

 

Die Befürworter haben uns und die Bürgerinitiative "Aue statt Lippesee" aufgefordert, Alternativen aufzuzeigen!

Die Stadt Hamm hat im Haushalt 2005 zwei Mio. EUR und im laufenden Doppelhaushalt 2006/2007 vier Mio. EUR für Planung und Öffentlichkeitsarbeit bereitgestellt. Da können wir nicht mithalten, das Aufzeigen von Planungsalternativen ist uns insofern nicht möglich. Aber offensichtlich haben die Befürworter (das vom Lippeverband vorgelegte) eigene Gutachten nicht gelesen: Hier werden insgesamt fünf Planungsalternativen aufgezeigt, mit zweien davon könnte der NABU sich anfreunden. Diese Varianten sind bewertet worden.

Die Stadt Hamm hat sich für die Variante entschieden, die nur den 4. Rang, also die zweitschlechteste Lösung, einnimmt.

 

 

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