Artenschutz - Schmetterlingspachtwiese

Schmetterlingswiesen im Radbodgebiet

Ansprechpartner

Karlheinz Jenzelewski

Eckenerstraße 2

59075 Hamm

 

Schmetterlinge sind die wohl schönsten Wesen im gesamten Tierreich. Jeder mag sie. Und dennoch gehören sie zu einer der am stärksten gefährdeten Tiergruppen: Über 60 Prozent der bei uns heimischen Tagfalter sind nach der Roten Liste NRW ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder gefährdet! Schmetterlinge brauchen vor allem mageres Grünland, blütenreiche Brachen und strukturreiche Säume, die in unserer intensiv genutzten und überdüngten Landschaft immer seltener zu finden sind.

1987 starteten die Naturschutzverbände die "Aktion Schmetterling". "So können wir sie retten" hieß es im Untertitel des zur Aktion herausgegebenen Buches. Wir wollten uns an der Rettung beteiligen.

 

Schmetterlingsfläche 1: Heckenstück (Schutzgebiet I)

Bei der Suche nach geeigneten Flächen stießen wir zunächst auf ein Gebiet in Bockum-Hövel südlich der Abfallbeseitigungsanlage Am Lausbach und des Markenweges. Dort war zwischen zwei aufeinander treffenden Heckenzeilen eine etwa 1.500 Quadratmeter große Fläche ehemaligen Weidelandes im Eigentum der Stadt Hamm ungenutzt geblieben. Diese Fläche wurde uns überlassen.

Das Gebiet ist ein Stück von der Lippe geformten ehemaligen Auenlandes. Auf unserer Fläche sind in den nach Osten und Süden abfallenden Böschungen Strukturen früherer Ufer zu erkennen. An den Seiten schirmen die Weißdornhecken den inneren Bereich gegen Einträge von Düngern und Pestiziden aus den bewirtschafteten Flächen nebenan wirksam ab. Nur die Südseite ist in ganzer Breite gehölzfrei, sodass von dort aus Licht und Wärme ungehindert eindringen können. Nach der vor kurzem vorgenommenen Änderung des Landschaftsplanes Hamm-West verläuft die Westgrenze des Naturschutzgebietes "Ehemaliger Radbodsee und Alte Lippe" durch unser Schutzgebiet. Es gehört damit teilweise auch zu dem dort ausgewiesenen FFH-Gebiet.

 

Als wir vor mehr als 20 Jahren mit der Pflege begannen, standen Brennnesseln und Kratzdisteln in Einartbeständen mannshoch. Durch eine ein- bis zweischürige Mahd in jedem Jahr haben wir diese Bestände gezielt bis auf Randbereiche zurückgedrängt. Dafür breiten sich nun Glatthafer, Gamander-Ehrenpreis und Wiesenlabkraut aus. Vor allem im Südteil wachsen Rote Lichtnelke und Klappertopf. Hier haben sich in den letzten Jahren das Echte Labkraut und der seltene Heilziest eingefunden.

 

An Schmetterlingen kommen neben noch recht häufigen Faltern wie Weißlinge, Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge auch Großes Ochsenauge, Brauner Waldvogel, Kleiner Feuerfalter und Kleines Wiesenvögelchen vor. Im Gras zeigen sich Messingeule, Hausmutter und Minzenbär. Häufig anzutreffen ist der Graubinden-Labkrautspanner, seltener der Melden-Blattspanner.

 

Offensichtlich ist das Schutzgebiet aber auch für andere Tiere attraktiv. Trotz seuchenartig auftretender Krankheiten machen sich die zahlreichen Wildkaninchen überall durch ihre Grabtätigkeit und den Verbiss der Pflanzen bemerkbar. In der Hecke brüten Heckenbraunelle, Mönchs-, Dorn- und Klappergrasmücke, Zaunkönig und Zilpzalp. Während der Mahd zeigen sich stets Erdkröte und Grasfrosch. Außer dem Grünen Heupferd kommen mindestens vier weitere Heuschreckenarten vor.

 

Auch unsere zweite Schmetterlingswiese berührt zumindest das Naturschutzgebiet "Ehemaliger Radbodsee und Alte Lippe", und zwar grenzt sie unmittelbar an den Nordostteil dieses Naturschutz- und FFH-Gebietes. Sie liegt in Bockum-Hövel zwischen der Hüserstraße und dem Zechensportplatz nordöstlich des Eversbaches.

Bis in die 1980er Jahre hinein betrieb dort die Zeche Radbod eine Deponie für Boden und Bauschutt. Nach der Inbetriebnahme der städtischen Abfallbeseitigungsanlage Am Lausbach wurde diese "wilde Deponie" stillgelegt. Die Stadt Hamm übernahm später mit dem Zechensportplatz auch das ehemalige Deponiegelände.

 

Schmetterlingsfläche 2: Zechenkippe (Schutzgebiet II)

Als Pläne bekannt wurden, den Zechensportplatz zu erweitern, haben wir uns in Stellungnahmen und Eingaben für den Erhalt dieses Geländes als Pufferzone zwischen Sportplatz und Naturschutzgebiet eingesetzt. Die Pläne zerschlugen sich zum Glück. Denn: Bei Begehungen stellten wir fest, dass auf der durch verschiedene Stadien der Sukzession gekennzeichneten Fläche besonders zahlreich die Insekten vertreten waren und mit ihnen die Schmetterlinge. Diese hielten sich vor allem im noch gehölzarmen Südostteil des Gebietes auf. Bliebe dieser Bereich sich selbst überlassen, würde hier wie im übrigen Gebiet binnen kurzem ein Pionierwald aus Weiden und Birken stocken, der als Lebensraum für viele Falter kaum noch geeignet wäre.

 

Damit dieser Falterlebensraum nicht verloren geht, wurde uns von der Stadt auf einen entsprechenden Antrag hin mit Vertrag gestattet, Erhaltungs- und Gestaltungsmaßnahmen vorzunehmen. Dies geschieht nun seit über 20 Jahren auf einer Fläche von rund einem Hektar, und zwar durch eine jeweils im Herbst gestaffelt durchgeführte Mahd. Damit versuchen wir, die Fläche bis auf wenige Einzelgehölze von Buschwerk frei zu halten und ein Überhandnehmen der Kanadischen Goldrute zu verhindern.

 

Inzwischen hat die Goldrute einiges an Dominanz eingebüßt. Davon profitieren Gräser und zahlreiche Blütenpflanzen. Zu nennen sind hier neben Hornklee, Steinklee und weiteren Kleearten vor allem Wasserdost, Habichtskraut, Wilde Möhre und Johanniskraut. Wie zu erwarten, wirkt sich die Vielfalt der Blütenpflanzen positiv aus für die Schmetterlinge: Von den bisher im Radbodgebiet nachgewiesenen 25 Tagfalterarten können mehr als 20 Arten in diesem Schutzgebiet beobachtet werden, so Landkärtchen, C-Falter, Mauerfuchs, Hauhechel-Bläuling und drei Arten Dickkopffalter. Stellvertretend für die wesentlich artenreichere Gruppe der Nachtfalter stehen hier: Brauner Bär, Mondvogel, Weidenbohrer, Brauner Mönch, Rotes Ordensband, Weiden-Gelbeule, Prachtgrüner Bindenspanner, Gitterspanner und Pfaffenhütchen-Harlekin.

 

Mit dem Offenhalten der Fläche durch unsere Pflege werden auch die Biotopansprüche weiterer Artengruppen erfüllt: Sieben Heuschreckenarten ließen sich bisher nachweisen. Die Libellen des nahen Radbodsees und der vielen anderen Gewässer nutzen unsere Wiese bei der Insektenjagd. Moschusbock, Rothalsbock und Pinselkäfer zeigen sich gelegentlich beim Blütenbesuch. An Lesesteinhaufen lässt sich ab und zu die Waldeidechse sehen. Teichmolch, Bergmolch, Erdkröte und Grasfrosch nutzen das Gebiet als Sommerlebensraum. An den vielen Ameisennestern ist der Grünspecht anzutreffen. Zwischen den Hochstauden halten sich zeitweise Feldschwirl und Sumpfrohrsänger auf.

 

Es ist sicher nicht übertrieben, wenn wir heute feststellen: Unsere Schmetterlingswiesen tragen dazu bei, die Artenvielfalt im Radbodgebiet und darüber hinaus zu erhalten. Allerdings ist der Betreuungsaufwand sehr hoch. So müssen allein für die Mäharbeiten jährlich weit mehr als 100 Arbeitsstunden aufgewendet werden.  

 

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